Autor: adminlm38

Poesie … Biblio… – was?

Die gängigste (Fehl-)Annahme bezüglich Poesie- und Bibliotherapie ist die, dass sie mit der Bibel in Zusammenhang gebracht wird. So abwegig ist das gar nicht, denn als „Buch der Bücher“ enthält sie Bibelstellen, die sich auch für therapeutische Zwecke eignen können, jedoch hat diese Therapieform keinen originär religiösen Hintergrund. Sie geht prinzipiell von Texten aus, vor allem in Form von Literatur, einerseits als Denkanstoß (Bibliotherapie), andererseits als Ausgangspunkt eigenen Schreibens (Poesietherapie). Das Wissen um die Heilkraft von Poesie war bereits in der Antike bekannt. So ist Apollon zugleich der Gott der Heilkraft und der Dichtkunst. Die positive Wirkung von Sprache wird zum Beispiel bei Lossprechungen, magischen Zauberformeln oder bei der Besprechung von Wunden genutzt. Auch im therapeutischen Theater (nach Wladimir Iljine) und im Psychodrama (nach Jakob L. Moreno) kommt das Wort in heilbringender Weise zum Einsatz. Sigmund Freud hat bekanntlich seine Patient*innen dazu angeregt, ihre Gedanken und Erfahrungen in einem Traumtagebuch schriftlich festzuhalten, woraus sich im Dadaismus und im Surrealismus das automatische Schreiben entwickelte. Der Begriff Bibliotherapie in Form des Lesens als Beitrag zum Heilungsprozess wurde mutmaßlich 1916 erstmalig von McChord Crothers verwendet, 1941 fand er Aufnahme in ein medizinisches Wörterbuch.  Der Poesie- und Bibliotherapie liegt zugrunde, dass der Mensch ein erzählendes Wesen ist. Um sich sprachlich äußern zu können ist keine spezielle literarische Begabung Voraussetzung. Außerdem wohnt jedem Schreiben eine heilende Wirkung inne, denn Denkspiralen können sich auflösen, wenn man Gefühle, Zweifel und Ängste auf Papier bannt. Schon das Tagebuchschreiben kann eine entlastende Funktion erfüllen. Umso mehr regt ein Gruppensetting die Reflexion über Mitgeteiltes an und kann die Wahrnehmung erweitern. Eine respektvolle, wertschätzende Haltung und der Verzicht auf das Erbringen von Leistung vorausgesetzt, entsteht eine Atmosphäre der Gemeinsamkeit in der im spielerischen Ernst Texte entstehen. Sie laut vorzulesen bietet zudem den Mehrwert, die eigene Stimme zu hören und das Geschriebene noch einmal anders wahrzunehmen. Auch wenn man für sich allein schreibt, ist ein lautes Vorlesen zumindest ab und zu von Vorteil. Schreiben als schöpferischer Akt regt das persönliche Wachstum an, Ausdrucksfähigkeit und Sprachvermögen steigern sich. Das Schreiben mit der Hand ist ein körperlicher Vorgang, der eine Verlangsamung bewirkt. So können Gedanken geordnet werden, ein Probehandeln ist möglich. Das Blättern in einem Buch ist ein sinnliches Erlebnis: das Rascheln beim Umblättern der Seiten, der Geruch des Papiers, das Wahrnehmen des Layouts. In Amerika setzt man die Poesie- und Bibliotherapie – neben anderen expressiven Therapieformen wie Mal- Musik- oder Tanztherapie – schon seit längerer Zeit ein. Von hier stammt ebenso die „narrative Medizin“, bei der die Geschichten von Patient*innen wie literarische Erzählungen gelesen werden. In England können sich an Depression leidende Patient*innen sogar ärztlicherseits eine Lektüre „auf Rezept“ verschreiben lassen, das sie in der Stadtbibliothek einlösen können. Obschon im deutschen Sprachraum erste Ansätze bereits aus dem Jahr 1843 bekannt sind, führt die Poesie- und Bibliotherapie hier eher ein Schattendasein. Als Vorreiter für sei hier der Psychologe Hilarion Petzold genannt, der über das von ihm mitbegründete Fritz-Perls-Institut, gemeinsam mit Ilse Orth, eine eigene Ausbildung anbietet (auch in Österreich und in der Schweiz). Diese drei Länder sind auch in der 1984 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Posie- und Bibliotherapie vertreten. Der mit der Poesietherapie verwandte und bisweilen synonym verwendete Begriff des „Creative Writing“ hat seinen Ursprung ebenfalls in den Vereinigten Staaten. Teilweise verschwimmen der Begriff mit den Bezeichnungen therapeutisches Schreiben, Schreibtherapie, literarisches Schreiben, (auto-)biografisches Schreiben. Wie alle Kreativitätsprozesse lässt sich auch der Schreibprozess in vier Phasen unterteilen, die allerdings nicht immer linear abzulaufen brauchen. Es sind dies: Der Inspirationsphase, in der Ideen entstehen, darauf folgt die Phase der Inkubation, in der das gefundene Rohmaterial erweitert bzw. verdichtet wird. Die Illuminationsphase erbringt neue Erkenntnisse, in der Phase der Verifikation kommt es zur Überprüfung der Ergebnisse, die Einfälle werden aus- bzw. umgearbeitet. Erfolgen kann Poesie- und Bibliotherapie ambulant oder stationär, im Einzelsetting oder in einer Gruppe, unter Anleitung oder auch als Selbstlektüre, allerdings mit anschließender Reflexion. Auch präventiv ist sie wirksam. Sowohl bei somatischen als auch bei psychischen Krankheiten kann sie eingesetzt werden. Besonders vielversprechend, was den Heilungsprozess betrifft, ist eine Kombination aus Biblio- und Psychotherapie. Bezüglich des Alters gibt es keine Einschränkungen, auch Kinder können eine Zielgruppe sein. So hat Bibliotherapie in Amerikas Schulen schon seit Längerem Einzug gehalten, um die Kinder und Jugendlichen in ihrer Entwicklung zu begleiten. Seit mehr als 20 Jahren werden in einzelnen deutschen Jugendgerichten „Leseweisungen“ als erzieherische Maßnahme erprobt. Dabei steht die Lektüre vorwiegend direkt mit der jeweiligen Straftat in Zusammenhang, was eine Reflexion des begangenen Delikts anstoßen soll. Sowohl fiktive als auch nicht-fiktive Texte sind geeignet, laut Studien haben sich Selbsthilfebücher bei Angststörungen, Depression und Alkoholproblemen bewährt. Dabei ist es wichtig, dass die Bücher keine wertende Haltung transportieren und Probleme als bewältigbar geschildert werden. Und auch der Humor sollte nicht zu kurz kommen. Buchempfehlungen bedürfen demnach eines großen Einfühlungsvermögens.  Zuletzt sollen mögliche Fallstricke der Poesie- und Bibliotherapie genannt werden. Wie allgemein bekannt, können Worte nicht nur eine heilsame Wirkung entfalten, sondern ebenso destruktiv wirken. Wie bereits angeklungen, können Literaturempfehlungen heikel sein, denn ein zu großer bzw. ein zu geringer Abstand zu einem Thema ist problematisch. Da mit dem Lesen eines Buchs die Flucht in eine Fantasiewelt verbunden sein kann, besteht die Gefahr, sich völlig darin zu versenken und den Bezug zur Realität zu verlieren. Genauso kontraproduktiv sind zu hohe Ansprüche an sich selbst sowie eine Über-Identifizierung mit den Protagonist*innen eines Buchs. Man denke nur an die gehäuften Suizide nach der Lektüre von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“. Nicht zuletzt gibt es Personen, die Leseschwierigkeiten haben oder durch negative (Schul-)Erfahrungen eine Abneigung gegenüber Büchern oder dem Schreiben entwickelt haben. Kathrine Bader Ausbildung in Poesie- und Bibliotherapie, Biografiearbeiterin, Schreibpädagogin, Schreibcoach, Übersetzerin in „Leichte Sprache“ www.dastreffendewort.at

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