Biografiearbeit? Märchenhaft!

Märchen in der Biografiearbeit

Von Hans Kahlau

Als besonders wertvoll für eine lebendige Biografiearbeit habe ich als Trainer den Einsatz von Märchen erfahren. Der bekannte Anfangsatz „Es war einmal …“ ist ja an sich schon eine biografische Formulierung. Märchen spielen darüber hinaus in unserem Kulturkreis seit Jahrhunderten eine bedeutende Rolle. Sie befassen sich mit zeitlosen – gewissermaßen archetypischen – Lebensthemen. Mit Geschichten aus dem Märchenbuch darf man also an Vertrautes anknüpfen. Und zugleich darf der Inhalt ganz neu betrachtet und auf selbst erlebte Herausforderungen unseres Daseins bezogen werden: Biografiearbeit wird „märchenhaft“!

Warum gerade Märchen in der Biografiearbeit?

Im deutschen Sprachraum wurden die zuvor hauptsächlich mündlich überlieferten Geschichten Anfang des 19. Jahrhunderts durch die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm erstmals einem breiten Publikum schriftlich zugänglich gemacht. Sie waren zunächst nur für Erwachsene und erst später auch für Kinder gedacht. Seither sind diese als „Hausmärchen“ bezeichneten Geschichten aus kaum einer Biografie wegzudenken. Ob als Buch, Theaterstück, Motiv in Zeichentrick- oder Spielfilmen oder als Hörspiel auf Kassette oder Schallplatte: Märchen begleiten viele Menschen meist von Kindesbeinen an in verschiedenen Lebensabschnitten. Allein das ist schon Grund genug, Märcheninhalte für das biografische Arbeiten mit Menschen methodisch zum Einsatz zu bringen.

Zudem bestimmen in Märchen häufig  – und ganz wie im wirklichen Leben – herausfordernde Bewährungsproben, Erfolge oder Niederlagen sowie einschneidende Wendungen das Leben der Protagonist*innen. Es sind Geschichten, wie das Leben sie schreibt. Sie sind durchzogen von tiefgründiger Symbolik und führen in fantastische Welten, in denen Tiere sprechen können oder Zauberkräfte existieren. Auch Glaubenssätze und Wertvorstellungen werden darin transportiert. Das alles beflügelt Menschen und ergibt Stoff für ein kreatives biografisches Arbeiten im Rahmen von Erwachsenenbildung und persönlicher Entwicklung. Ob in reinen Frauen- oder Männerkreisen, bei Senioren oder ehrenamtlich Engagierten oder auch als allgemein ausgeschriebenes Biografie-Seminar: Meine Erfahrung ist, dass Märcheninhalte immer eine wunderbare Einstimmung sind, um in die Reflexion über eigene Lebenserfahrungen zu kommen und den Austausch darüber zu fördern.

Wie man mit Märchen biografisch arbeiten kann

Auch das biografische Arbeiten mit Märchen bedarf zur Anleitung einer gewissen Vorbereitung. Wichtig ist zunächst die Frage, welches Märchen zu den Menschen und ihrer gegenwärtigen Situation, Fragestellung oder Lebenserfahrung passt? Hat man eine Geschichte gefunden, so macht es Sinn, sich selbst den Märcheninhalt im Original oder in einer komprimierten Fassung wieder in Erinnerung zu rufen. Gerade die typische Märchensprache, manch bildhafter Ausdruck, die eine oder andere Redewendung oder manch origineller Dialog bereichern die Anwendung in der Biografiearbeit.

Bei der Vorbereitung geht es auch darum, im Märcheninhalt „zwischen den Zeilen“ zu lesen und nach den zunächst vielleicht verborgenen Motiven zu suchen. Also der Frage nachzugehen: „Worum geht’s hier eigentlich?“ Erforderlich ist da, den Blick zu schärfen für die „Geschichte hinter der Geschichte“ und erste Deutungsmuster zu erarbeiten. Im kommenden Schritt werden besondere Aspekte für die Biografiearbeit herausgefiltert. Es wird also der Frage nachgegangen: Welche auch heute noch für die Zielgruppe relevanten Lebensthemen und Lebensfragen stecken in dem Märchen. Denn für die eigentliche Biografiearbeit ist ja wichtig, den Märcheninhalt mit der persönlichen Lebenserfahrung verknüpfen zu können und in den Austausch darüber zu kommen.

Das Märchen „Aschenputtel“

Ein Beispiel: Das Märchen „Aschenputtel“ bietet sich an, um folgenden Themen nachzuspüren:

Biografiearbeit stellt heute eine Vielzahl kreativer Methoden bereit, sodass es im besten pädagogischen Sinne beim Arbeiten nicht bei Worten und Gedankenaustausch bleiben muss, sondern eine tiefergehende, ganzheitliche Erfahrung möglich wird. In dem von mir und meiner Kollegin Teresa A. K. Kaya verfassten „Praxisbuch Lebendige Biografiearbeit mit Märchen“ (erschienen bei Beltz Juventa 2021 – siehe auch Hinweis auf dieser Website unter https://www.lebensmutig.de/publikationen-der-mitglieder/) – werden zu neun bekannten Märchen zahlreiche kreative Methoden der Biografiearbeit vorgestellt.

  • Das (Versteck-)Spiel der Liebe – eigene Erfahrungen dazu
  • Wohin mit Kummer, Trauer und innerer Not? Woher kommt Zuversicht und Trost?
  • Erleben von Demütigungen und Mobbing – wie damit umgehen?
  • Authentisch und stimmig leben: „Den Schuh zieh‘ ich mir (nicht) an!“

Hier noch ein Praxisbeispiel, wieder aus der Arbeit mit dem Märchen „Aschenputtel“ (in dem sich ja zuerst die „falschen Bräute“ in Aschenputtels Schuhe zwängen wollen und damit kläglich scheitern): Für einen Frauengesprächskreis legte ich zahlreiche Abbildungen von Schuhen in allen Größen, Modestilen und Farben aus. Die Teilnehmerinnen sollten je zwei Abbildungen auswählen – die eine zum Stichwort „Den Schuh zieh ich mir an“, die andere zum Stichwort „Den Schuh zieh ich mir nicht an“. Jede Frau stellte nun ihre Bilder vor und begründete ihre Wahl. Dieser eher spielerische Einstieg zur Frage: „Was passt zu mir, was nicht?“ führte uns dann weiter zu einem lebendigen Austausch darüber, wo oder wann im Leben man auch im übertragenen Sinn in den „falschen Schuhen“ unterwegs war, sich also nicht wohlfühlte in einer Situation, weil es einfach nicht „passte“. Reflektiert wurde ferner, wie man das bemerkte und ob bzw. wie man sich wieder befreien konnte, um ein stimmigeres Leben führen zu können.

Es werden in dieser Arbeit – wie meist in der Biografiearbeit – also herausfordernde Erlebnisse aufgegriffen und dann die Ressourcen erforscht, wie wir mit solchen Ereignissen umgehen konnten. Die Erkenntnisse daraus und das Gespräch darüber können uns schließlich helfen, auch zukünftig schwierige Situationen mit Zuversicht zu meistern. Es zeigt sich hier: Biografiearbeit ist mehr als ein Stöbern in Erinnerungen. Sie richtet den Blick stets in unsere Gegenwart und Zukunft!

Welche Lebensthemen lassen sich in den Märchen finden?

Ein paar weitere Beispiele:

Am Märchen „Aschenputtel“ habe ich oben bereits aufgezeigt, welche Aspekte in Märchen stecken und wie man damit kreativ biografisch arbeiten kann. Das Spektrum an biografischen Themen reicht aber weiter und geht von „A“ wie Abhängigkeit (z. B. in „Vom Fischer und seiner Frau“) oder Angst (in „Hänsel und Gretel“) über „L“ wie Loslassen (in „Hans im Glück“) bis zu „Z“ wie Zuversicht (in „Hänsel und Gretel“).

Märchen können also ein wertvoller Fundus für Biografiearbeit und gute Gespräche sein. Geteiltes Leben – also mit-geteiltes Leben – ist in diesem Sinne bereicherndes Leben!

Neben den in Märchen jeweils bereits mehr oder weniger offensichtlich auftretenden Lebensfragen gibt es natürlich auch märchenübergreifende biografische Themen, mit denen gearbeitet werden kann. Einige will ich hier exemplarisch noch hinzufügen:

  • Welches Märchen war Ihr Lieblingsmärchen als Kind? Was hat Ihnen besonders gut daran gefallen bzw. was hat Sie fasziniert? In welchen Begebenheiten oder Szenen haben Sie Parallelen zu Ihrem eigenen Leben entdeckt?
  • In welcher Märchenwelt würden Sie leben wollen? Welche Märchenwelt würden Sie künftig gerne einmal besuchen und weshalb?
  • Wenn Sie eine Märchenfigur sein dürften, wer wäre es und weshalb? Mit welcher Figur fühlen Sie sich sehr verbunden (und mit welcher gar nicht)?
  • In Märchen haben die Protagonist*innen häufig eine große Prüfung oder Herausforderung zu bewältigen. Welche Prüfung haben Sie schon in Ihrem Leben bewältigt? Wie ist Ihnen das gelungen? Was steht Ihnen aktuell an Herausforderungen bevor?

Am Ende gilt in der lebendigen Biografiearbeit mit Märchen für mich der Satz des bekannten Märchenerzählers Hans Christian Andersen: „Das wunderbarste Märchen ist das Leben selbst.“

In diesem Sinn versuche ich, den Teilnehmer*Innen meiner Angebote stets offen für ihre Geschichte zu begegnen.

Hans Kahlau
Gestalttherapeut, Erwachsenenbildner und Trainer für Biografiearbeit

Kontakt: hans.kahlau@lebensmutig.de

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