Die vier Wände in Lebensgeschichten

Schlafkarren in Schillig /Ostfriesland        Foto: Lappe

In keiner dieser abgebildeten Urlauber-Wohnstätten an der ostfriesischen Nordseeküste habe ich bisher  übernachtet oder gewohnt. Seit 6 Jahren wohne ich mit meiner Frau in einer barrierefreien und citynahen Wohnung  im Wohnblock einer Kleinstadt. Quadratisch-praktisch-gut.  Das hätte ich mir vor 55 Jahren im Studentenwohnheim  nicht so träumen lassen. Aber was hätte ich mir träumen lassen?

Wenn ich auf unsere Familie schaue: Unser Vater hat einige Jahre bei den Franziskanern in einer Mönchszelle gelebt und im 2. Weltkrieg in einem Kriegsgefangenenlager. Meine Mutter war 15 Jahre lang „in Stellung“ (Hausangestellte)und hatte dort jeweils ein Kämmerchen, mein verstorbener Bruder übernachtete viel in Kolpingshäusern und auch einige Male in einer Gefängniszelle. Ich selber kenne von der Kindheit  eine Wohnung mit Außenklo , dann später viele Wohngemeinschaften.

Die Erzählungen von  Doris Dörrie in ihrem Buch „Wohnen“ haben mich zum Nach-Denken und Erinnern an  Wohnen in meiner Lebensgeschichte  angeregt. Zu einer  Erinnerungs- und Selbstreflektionsreise möchte ich  deshalb einladen mit den  Gedanken und Fragen  in diesem Blog .    

 Aber vorweg: Die Reflektion über Wohnumwelten ist eher in einer stabilen Wohnen-Situation möglich. Wenn ich z.B. auf dringender Zimmer-/Wohnungs-/Haussuche bin, von Kündigung oder Zahlungsunfähigkeit bedroht bin, dann ist meist wenig Luft für Reflektionen. Oder doch gerade?

M e i n Traumhaus der letzten 20 Jahre ist  vom äußeren her z.B. eins in der Art von Hundertwasser,  es gibt sie  bspw.  in Wien und Magdeburg.   Im alten Resthof der Schwiegereltern, wo wir fast 30 Jahre gewohnt haben, habe ich mir wenigstens eine bunte Pappsäule mit Zwiebelturm im Stile von Hundertwasser gebaut. Ein schöner Empfang vor der Tür von der Diele zum Wohnhaus. 

Sozial haben wir vor 10 Jahren einen Anlauf mit einer Initiativgruppe zum gemeinschaftlichen Wohnen im Alter  hier in Jever gemacht. Das Projekt hat sich nach einem halben Jahr Vorplanung leider wieder aufgelöst.

Also: Es lohnt sich anzuschauen:                                                                                                                                                    Wie war es mit dem Wohnen  bei mir ganz früher, wie hat es sich entwickelt, wie ist es jetzt, was für Wünsche und Träume gibt es noch?

-Inwiefern prägen die Wohnerfahrungen meiner Eltern meine Vorstellungen von Zuhause (z.B. Wohnungsverlust durch ausgebombt- Werden, durch Brand,  durch Kündigung, durch Flucht/Vertreibung)?

-Erfahrungen mit  Wohnraum zu  teilen oder für sich zu  haben, Raum abgeben zu müssen (z.B. nach dem 2. Weltkrieg)

-Erfahrungen mit gemeinsamer Toilette oder Gemeinschaftsdusche

  • Gab es im Wohnbereich meiner Kindheit so etwas wie einen zentralen Ort? Z.B. Tisch in der Wohnküche, wo Hausaufgaben gemacht wurden oder gebastelt wurde?
  • Oder war mir ein anderer Ort besonders wichtig? (am Kachelofen z.B.)
  • Der erste erinnerte Fußboden, die ersten Gardinenmuster, die ersten Tapetenmuster
  • Erinnerungen an Kinderwagen als Wohnumfeld/ Gitterbett /Laufstall
  • Mit dem  Puppenhaus   das Wohnen spielerisch ausprobiert?
  • Erfahrungen mit dem eingesperrt werden als Strafe , als Kind( im  Schuppen, Stall, Keller)
  • Später auch im jugendlichen oder erwachsenen Alter (Arrest, Gefängnis)
  • Mein erstes eigenes Zimmer;  das Gefühl dabei, die Tür hinter sich schließen zu können
  • Was war mir wichtig  bei meiner ersten Möglichkeit zur  Wand-/ Zimmerausschmückung?
  • Wie habe ich selbst Umgangsweisen erlebt, bei mir/im Nahbereich, wie Nahestehende mit  finanz. Engpässen fertig werden, die Auswirkungen hatten auf Mietzahlungen, auf Kreditabzahlungen, Handwerker bezahlen  ?  Auch Baustopp, Zwangsversteigerung, Wohnungskündigung
  • Wohnen auf Zeit: Erfahrungen in Zeltlagern, Kinderkurheimen, Tagungshäusern,  Jugendherbergen, Lehrlingswohnheim, Schwesternwohnheimen , Studierendenwohnheim, Hotels, Kliniken (Einzelzimmer/Mehrbettzimmer), Psychiatrien, Sammelunterkünften
  • Zelten  alleine/zu zweit/ mit mehreren; auf Tour im Camper/ Wohnmobil,
  • in Kasernen, Internaten, Kinderheimen
  • In Häusern von Vereinen: Schrebergartenhäuschen, Naturfreundehäuser, Vereinshäuser, Kolpinghäuser, Wandervogelhäuser, Pilgerheime
  • Prickelndes und weniger Prickelndes auf  dem  Matratzenlager einer Berghütte,
  • Wohnen auf dem Schiff (Binnenschifffahrt /Marine/ Kreuzfahrt/Segeltörn), Rückzugsraum?, Intimität?
  • Was sollte bei meinem ersten autonomen Wohnen auf alle Fälle ganz anders sein als das Wohnen in einer Einrichtung oder der Wohnung meiner Kindheit?
  • Was für ein Gefühl verbinde ich mit der Möglichkeit, einen eigenen Wohnungs- oder Zimmerschlüssel zu haben?
  • Habe ich /hatte ich so etwas wie eine Traumwohnung im Kopf, oder ein Traumhaus?  Mit gaaaanz viel Platz, auch für Besuch oder sogar Wohnzimmerkonzerte. Oder gerade das Gegenteil in der Platzreduzierung  auf Bauwagen,  Tinyhouse oder Baumhaus
  • In welchen Lebensphasen wollte ich mehr ein anonymen Wohnen (z. B. in der Großstadt)  und wann war mir Wohnen mit guten nachbarschaftlichen Kontakten wichtig?
  • Gab es Kontakte/Erfahrungen zum Leben in Wohngemeinschaften? Zweckgemeinschaften, politisch orientierte, weltanschaulich/spirituell orientierte WG´s oder Hausgemeinschaften?
  • Gab es Kontakte/Erfahrungen mit „Instandbesetzungen“? Haben mich diese und andere WG-Formen eher abgeschreckt oder fand ich sie ansprechend?
  • Draußen sein, draußen schlafen ohne ein Dach über den Kopf? Im Urlaub, im eigenen Garten oder gezwungenermaßen in der Stadt?
  • Die eigene  Wohnung als dritte Haut erlebt.
  • Welche finanziellen Grenzen für Wohnmöglichkeiten haben ich erlebt?
  • Welche Erfahrungen gibt es mit Schwierigkeiten  bei der Wohnungssuche aufgrund des Namens? (Afrikaner und Menschen aus dem vorderen Orient haben besondere  Diskriminierungserfahrungen.)
  • Wohnen zur Miete mit Untermietern/Mitmietern, um die Mietkosten bezahlen zu können
  • Wohnungs-Aufstiege  und Wohnungs-Abstiege, bis hin  zum Traumhaus oder zur Obdachlosenunterkunft
  • Die Wohnung als Darstellung der eigenen Persönlichkeit, ähnlich wie ein Auto? Zum Repräsentieren bei Einladungen? Oder sich auch schämen und keinen Besuch reinlassen wollen?
  • Kalenderspruch: Wer mit mir eine Zeit zuhause verbringen will, ist jederzeit  herzlich eingeladen. Wer die Wohnung prüfend besichtigen will, der soll sich bitteschön vorher anmelden.
  • Die Wohnung als Lager für Sammlungen, übersichtlich oder chaotisch
  • War für mich früher oder jetzt das Wohnen mit einem Haustier wichtig? Katzenklappe, Hundedecke o.a.
  • Was ist bei meinen bisherigen Wohnungs-Suchen wichtig gewesen:
  • Eine selbst gestaltete Wohnumwelt, durch Umbau, Renovierung? Oder lieber Einzug in etwas  vorgefundenes- fertiges?
  • Wo ist mein zuhause? Im inneren? Oder  mit bestimmten wichtigen Gegenständen innerhalb von beliebigen 4 Wänden? (R. Mey besang in einem Lied seinen roten Teddy, der ihn auf allen Tourneen in den Hotelzimmern über Jahrzehnte begleitet hat.)
  • Kürzere oder längere Erfahrungen mit Wohnen in anderen Ländern, auch außereuropäischen   zeitw. Wohnen im Ausland ( bei D. Dörrie z.B. Japan). Erfahrungen von vielen Menschen auf engem Raum?
  • Kürzeres oder längeres Wohnen als Kind/Erwachsene/r  bei Verwandten
  •  Besonderheit, wenn Arbeitsplatz und Wohnen zusammen  an einem Ort  sind (Agentur, Bauernhof, Laden, Geschäftsbüro, bei Heimarbeit) (dauernd im Dienst sein?)
  • Was weiß ich über Dienstbotenlöcher/Knechtekammern/ Dienstwohnungen  von  Hausmeister/in
  • In Partnerschaften: Wie wichtig ist mir ein eigenes Zimmer?   Auch ein eigenes Schlafzimmer?        
  • Sicherheit oder Nicht-Sicherheit in den eigenen vier Wänden
  • Was sagen mir Räume in der Wohnung für männliche und weibliche Menschen ( Herrenzimmer, Rauchsalon,  Arbeitszimmer,  Hausarbeitsraum z.B.)?
  • (Wohn)-küche als Ort des Treffens, wo was los ist: Für Schularbeiten der Kinder, für politische und/oder persönliche Gespräche bei Feten
  • Wichtigkeit vom barrierefreien Wohnen im Alter und evtl. auch vom gemeinschaftlichen Wohnen im Alter
  • Wohnen mit mehr als zwei Generationen unter einem Dach oder in der Nachbarschaft
  • Früheren Wohnsituationen hinterher trauern , z.B. beim Wohnen im Alter evtl. dem aufgegebenen Haus/Hof
    Besondere Wohnsituationen im Alters- oder Pflegeheim
  • Wenn Menschen in der Demenz „nach hause“ wollen, was könnte dann damit gemeint sein?

—————————————–

Lit.: Doris Dörrie, Wohnen, Hanser Verlag, 2025/Interviews dazu  mit ihr im Deutschlandfunk Kultur und auf youtube

————————————–
Konrad Lappe, Jever

Schreiben Sie einen Kommentar

Teilen:

Facebook
Twitter
Pinterest
LinkedIn
Aktuelles

Weitere Blogeinträge

Die vier Wände in Lebensgeschichten

Schlafkarren in Schillig /Ostfriesland        Foto: Lappe In keiner dieser abgebildeten Urlauber-Wohnstätten an der ostfriesischen Nordseeküste habe ich bisher  übernachtet oder gewohnt. Seit 6 Jahren wohne ich mit meiner Frau in einer barrierefreien und citynahen Wohnung  im Wohnblock einer Kleinstadt. Quadratisch-praktisch-gut.  Das hätte ich mir vor 55 Jahren im Studentenwohnheim  nicht so träumen lassen. Aber was hätte ich mir träumen lassen? Wenn ich auf unsere Familie schaue: Unser Vater hat einige Jahre bei den Franziskanern in einer Mönchszelle gelebt und im 2. Weltkrieg in einem Kriegsgefangenenlager. Meine Mutter war 15 Jahre lang „in Stellung“ (Hausangestellte)und hatte dort jeweils ein Kämmerchen, mein verstorbener Bruder übernachtete viel in Kolpingshäusern und auch einige Male in einer Gefängniszelle. Ich selber kenne von der Kindheit  eine Wohnung mit Außenklo , dann später viele Wohngemeinschaften. Die Erzählungen von  Doris Dörrie in ihrem Buch „Wohnen“ haben mich zum Nach-Denken und Erinnern an  Wohnen in meiner Lebensgeschichte  angeregt. Zu einer  Erinnerungs- und Selbstreflektionsreise möchte ich  deshalb einladen mit den  Gedanken und Fragen  in diesem Blog .      Aber vorweg: Die Reflektion über Wohnumwelten ist eher in einer stabilen Wohnen-Situation möglich. Wenn ich z.B. auf dringender Zimmer-/Wohnungs-/Haussuche bin, von Kündigung oder Zahlungsunfähigkeit bedroht bin, dann ist meist wenig Luft für Reflektionen.

Vision

Kürzlich kam ich von einem Lehrgangsmodul „Kommunikation“ zurück, dass ich leiten durfte. Erschöpft saß ich im Zug, doch das wohlige Gefühl der Zufriedenheit überwog. 16 Menschen lernte ich dort kennen, von Anfang 20 bis geschätzt 70 Jahre alt. Männer und Frauen aus unterschiedlichen Berufsfeldern. Die meisten kamen aus Ostdeutschland, wenige aus Westdeutschland.

Weihnachten ohne Zwang – ein Versuch

Bei keinem anderen Thema klaffen die Meinungen, Gefühle und Erwartungen so weit auseinander wie bei Weihnachten. Anita bekommt schon im September Bauchweh, wenn sie an Weihnachten denkt. Eigentlich bekommt sie immer Bauchweh, ganz egal zu welcher Zeit das Thema aufploppt. Ihre Tochter Lisa liebt Weihnachten. Seit sie eine eigene Wohnung hat, dekoriert sie schon ganz bald im Dezember und hat einen eigenen großen Baum.

  • Save-the-date

    Hier informieren wir über wichtige Veranstaltungen, zu denen Sie sich den Termin schonmal im Kalender vormerken können.

  • Info Brief

    Unser Info-Brief wird einmal im Monat herausgegeben von einem unserer Mitglieder.

  • Buch des Monats

    Hier stellen wir unser Buch des Monats vor.

  • Blog

    Unsere aktuellen Blogartikel finden Sie hier im Blog Bereich.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner