Manchmal beginnt es ganz leise. Wie eine Ahnung, eine innere Sehnsucht, die sich nicht sofort in Worte fassen lässt. Ein Ruf, der spürbar wird – und einlädt, sich auf den Weg zu machen.
Wenn ich gehe, besonders in der Natur, beginnt sich etwas in mir zu ordnen. Gedanken werden klarer, innere Knoten lösen sich. Mit jedem Schritt entsteht mehr Ruhe und Weite – und ich komme wieder bei mir selbst an. Das Gehen schenkt mir Abstand zum Alltag. Schritt für Schritt lasse ich los, was mich beschäftigt, und es entsteht Raum für das, was wirklich wesentlich ist.
Und genau hier beginnt für mich das Pilgern.
Was zunächst wie ein einfaches Gehen erscheint, verändert sich mit der Zeit. Es wird stiller in mir, achtsamer und bewusster. Ich gehe nicht mehr nur, um ein Ziel zu erreichen – ich lasse mich auf den Weg ein. Auf das, was sich zeigt. Auf das, was sich wandeln möchte.
2014 bin ich zum ersten Mal von Porto nach Santiago de Compostela gepilgert. Ohne genau zu wissen, was mich erwartet, aber getragen von dieser inneren Sehnsucht. Dieser Weg wurde zu einem Wendepunkt in meinem Leben. Seitdem bin ich weitere Pilgerwege in Spanien und Deutschland gegangen – jeder einzelne hat mich ein Stück weitergeführt. Nicht nur geografisch, sondern auch innerlich.
Für mich liegt der Unterschied zwischen Wandern und Pilgern in der Haltung. Beim Wandern steht oft das Ziel im Vordergrund. Beim Pilgern öffnet sich ein anderer Raum: Ich gehe nicht nur einen Weg – ich bin auf dem Weg. Ich werde langsamer, offener und beginne, meiner Intuition mehr zu vertrauen. Beim Pilgern betrete ich Neuland – außen wie innen. Mit jedem Schritt lasse ich etwas hinter mir. Etwas darf gehen, vergeht.
Das Leben wird dabei erstaunlich einfach. Ich trage nur das, was ich wirklich benötige. Mein Tag folgt einem natürlichen Rhythmus: gehen, essen, ruhen, schlafen. In dieser Einfachheit liegt eine große Freiheit. Ich spüre, wie wenig es braucht – und wie viel ich dadurch gewinne.
Die Natur begleitet diesen Prozess auf ihre ganz eigene Weise. Sie öffnet meine Sinne, lässt mich weiter und freier werden. Gleichzeitig fordert mich das Gehen körperlich heraus und stärkt mein Vertrauen in mich selbst, in meine Kraft und in meine Lebendigkeit.
Immer wieder erlebe ich auf meinen Wegen – allein und mit meinen Gruppen – Momente, die sich nicht planen lassen. Wenn scheinbar keine Unterkunft mehr frei ist und sich im wahrsten Sinne des Wortes plötzlich eine Tür öffnet. Wenn genau im richtigen Moment ein Mensch auftaucht, ein Gespräch entsteht, eine Begegnung berührt. Wenn ein Regenguss kommt – und die Einladung, sich bei einer Tasse Tee aufzuwärmen. Diese Weggeschenke haben mein Vertrauen ins Leben tief geprägt.
Pilgern ist für mich auch eine Form der inneren Entwicklung. Impulse aus dem systemischen Coaching und der gestaltpädagogischen, biografischen Arbeit, helfen mir eigene Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen und zu reflektieren. Ich werde mir bewusst, was mich begrenzt und was ich verändern möchte.
Rückblickend war mein erster Pilgerweg nicht nur eine einmalige Reise. Es war der Anfang von etwas Neuem – der Grundstein meiner persönlichen und beruflichen Entwicklung – der Grundstein meiner heutigen Tätigkeit „Unterwegs mir Dir und Mir“. Was für Hippokrates schon vor 2500 Jahren feststand, gilt auch noch heute: Gehen ist des Menschen beste Medizin.
Im Suchen beginnt ein Finden. Ein Wiederfinden. Ein SICH selbst finden!
Der Weg entsteht, indem ich ihn gehe.
Wenn du spürst, dass auch dein Weg dich ruft, trau dich und wage den ersten Schritt.
Margret Thome




