Zu meinem Geburtstag hat mir eine Freundin eine Karte geschenkt. Darauf stand der Spruch ‚Ich liebe Wasser. Meine liebsten Sorten sind See und Tee.‘
Besser hätte man meine Vorlieben in wenigen Worten nicht einfangen können. Sicher verbinde nicht nur ich mit beiden Dingen Entspannung, Erholung und Zeiten, in denen man zur Ruhe kommen kann. Auch wenn die Bilder vielleicht bei jedem ganz verschieden sind. Bleibe ich beim See ist es für manche ein guter Ort für Spaziergänge, für andere ein Fotomotiv, ein guter Platz, um Urlaub zu machen oder einem Hobby nachzugehen.
Was ich an der Biografiearbeit so liebe, ist der Moment, in dem mir bewusst wird, dass sich in all diesen Dingen, Bildern und Themen ein sanftes Erinnerungsband zieht. Natürlich gleichen manche Erfahrungen und persönlichen Bezüge vielleicht denen anderer. Doch darüber hinaus führt mich dieses Band in die Tiefe meiner Persönlichkeit und in die Weite all meiner Sinne und meinem ganzen Sein.
Mein Geburtstag liegt nicht nur im Zeichen des Wassermann, ich bin auch in einem Ort mit viel Wasser aufgewachsen. Seen verbinde ich mit Heimat und Wasser mit einem tiefen Gefühl, ganz bei mir sein zu können.
Ich liebe die verschiedenen Farbtöne, die der See je nach Wetter und Sonne annehmen kann. Ich liebe den ersten Tag im Jahr, in dem der See endlich warm genug ist und ich mutig genug, um nicht nur am Ufer zu stehen. Und ich liebe das Gefühl, Schritt für Schritt hineinzugehen, bis mich das Wasser dann vollständig umspült und trägt.
Bei meinem Großvater war das anders. Er konnte als einziger in der Familie nicht schwimmen. In seiner Kindheit gab es nur ein Fahrrad, das er sich mit den Brüdern teilte. Nachdem der einzige See ein gutes Stück entfernt lag, waren Besuche dort daher selten. Und neben der Arbeit am Hof und der strengen Verpflichtung an den gemeinsamen Gebetszeiten nicht zu fehlen, blieb dort zu wenig Zeit um das Schwimmen zu lernen.
Meine Großmutter ist dagegen mit dem See aufgewachsen und hatte hinter dem Haus einen kleinen Bach. Für sie war Wasser auch immer mit der Gefahr verbunden, was es an Schaden anrichten kann.
Das Schwimmen habe ich nicht in einem Kurs gelernt, sondern von einer Freundin im See. Und die Sommermonate haben wir fast jeden Nachmittag dort verbracht. Wie gut, dass unsere Eltern nicht wussten, dass wir bei Gewitter noch einmal fasziniert im Wasser die Blitze über uns betrachtet haben, bevor wir uns auf den Heimweg machten.
Besonders in Erinnerung sind mir aber die vielen Male, die ich gemeinsam mit meiner Mutter zu eine der Inseln in unserem See geschwommen bin. Eine wirklich lange Strecke, die sie lieber nicht alleine schwimmen wollte. Ich hatte damals keine Ahnung, was es vermutlich für sie mit Ihrer fortschreitenden Erkrankung bedeutet hat. Ein paar Jahre später konnte sie schon nicht mehr ohne Hilfe laufen. Aber ich weiß, dass ich Ihr Glück und Ihre Leichtigkeit gespürt habe in den Stunden, in denen wir zu zweit in langen Zügen durchs Wasser glitten. Und dass ich sie selten so erlebt habe. Für diese Momente bin ich sehr dankbar.
Erst vor ein paar Jahren habe ich einen Fachartikel über das Schwimmen gelesen, der mich – verbunden mit meinen Erfahrungen – sehr berührt hat.
Schwimmen ist nicht nur eine sportliche Bewegung, es ist vielmehr eine ganzheitliche Erfahrung, die Auswirkungen auf unser psychisches Wohlbefinden hat. Studien belegen, dass das rhythmische Gleiten durchs Wasser einen meditativen Zustand herstellt, der Stress abbaut und innere Ruhe fördert.
Und auch die Farbpsychologie schreibt der blau-grün Färbung das Gefühl von Weite, Ruhe und Entspannung zu.
In der Schmerztherapie hat man die Auswirkungen von natürlichen Klanglandschaften untersucht und festgestellt, dass auch dort Wassergeräusche den größten Einfluss auf Gesundheit und positive Gefühle haben.
So hat sich der Ausdruck ‚blue mind‘ entwickelt, der neben allem bereits benannten für die Erfahrung steht, dass Wasser durch seine Bewegung, den Klang und die wechselnden Lichtreflexe ein Ort der Inspiration und Kreativität ist.
Dort schließt sich für mich auf wundervolle Weise der Kreis in meine Heimat des ‚blauen Landes‘.
Elisabeth Hölscher (elisabeth.hoelscher@lebensmutig.de)




