Wenn ich an die Sommer meiner Kindheit denke, taucht zuerst ein Bild vor meinem inneren Auge auf: hohe, schneebedeckte Berge am Horizont, davor eine weite grüne Landschaft mit einem stillen See. Die Sonne scheint warm, die Luft ist fast lautlos – nur das Summen einer Biene ist zu hören. Keine Autos, keine Menschenmengen, keine Hektik. Dieser Ort war mein persönliches Paradies.
Das Erstaunliche daran: Ich war nie dort.
Es war ein Sehnsuchtsort, den ich mir während langweiliger Schulstunden oder träger Ferientage ausmalte. Ein Ort, an den ich mich gedanklich zurückziehen konnte. Die Wirklichkeit meiner Sommerferien sah nämlich ganz anders aus.
Urlaub bedeutete für unsere Familie keine Fernreise. Ein Aufenthalt im Ausland war finanziell nicht möglich. Dafür gab es andere kleine Abenteuer: den Besuch bei meiner Cousine im etwa 40 Kilometer entfernten Nachbarstädtchen. Eine Woche voller Spiele, Sport und neuer Freundschaften mit ihren Freundinnen – für mich jedes Mal eine aufregende Entdeckung. Und wenn das Wetter nicht mitspielte oder der Abend hereinbrach, warteten Bücher darauf, verschlungen zu werden.
Der erste Urlaub als Neunjährige
Besonders lebendig ist mir die Erinnerung an meinen ersten „echten Urlaub“, fünf Tage in Oberbayern. Gemeinsam mit der Familie meiner Tante teilten wir uns ein Ferienhaus. Weil es für uns günstiger war, reisten wir mit der Bahn an und wurden von einem Onkel abgeholt. Für Aktionen oder Wanderungen nutzten wir dann den Bus. Aus heutiger Sicht war das eine einfache, unkomplizierte und erstaunlich nachhaltige Art des Reisens. Damals erschien sie mir ganz selbstverständlich.
Urlaubs-Erlebnisse, Erholung und Entspannung
Warum kommen mir diese Erinnerungen gerade jetzt wieder in den Sinn?
Vielleicht, weil ich mit den Jahren festgestellt habe, dass sich meine Vorstellungen von Erholung verändert haben. Als junge Erwachsene wollte ich die Welt entdecken. Ich glaubte, möglichst viele Länder bereisen zu müssen, um wirklich etwas vom Leben mitzubekommen. Alles wollte ich mit eigenen Augen sehen und selbst erleben.
Heute empfinde ich das anders. Die Welt ist durch Bücher, Filme und das Internet näher gerückt. Ich muss nicht mehr überall gewesen sein. Was ich im Urlaub suche, sind Ruhe, Natur, Geborgenheit und Zeit. Zeit für ein gutes Buch, für einen Spaziergang oder einfach für den Blick in die Landschaft. Auch der Gedanke, dabei die Umwelt möglichst wenig zu belasten, ist mir wichtiger geworden.
Manchmal frage ich mich, ob unsere frühen Urlaubserlebnisse uns stärker prägen, als wir glauben. Vielleicht tragen wir ein Stück von ihnen unser ganzes Leben mit uns – selbst dann, wenn sich unsere Wünsche und Möglichkeiten verändern.
Wie ist das bei Ihnen?
Wenn Sie an die Ferien Ihrer Kindheit oder Jugend denken: Was fällt Ihnen als Erstes ein? Gab es einen besonderen Ort, einen vertrauten Geruch, ein Ferienritual oder einen Moment, den Sie bis heute nicht vergessen haben? Und welche dieser Erinnerungen begleiten Sie noch immer, wenn Sie heute an Sommer, Urlaub oder Erholung denken?
Was wir wirklich brauchen
Vielleicht lohnt es sich, diesen Erinnerungen einmal nachzugehen. Oft zeigen sie uns überraschend deutlich, was wir auch heute noch brauchen, um Kraft zu schöpfen. Für mich sind es zurzeit ganz einfache Dinge: ein gutes Buch, ein Eis oder ein Cappuccino und viele Stunden, die noch völlig unverplant sind.
Genau das fühlt sich für mich nach Sommer an. 😉
Christiane Mais, Regensburg, Diplomsportökonomin, Fachreferentin für Senioren- und Persönlichkeitsbildung der KEB im Bistum Regensburg




