Weihnachten ohne Zwang – ein Versuch

Bei keinem anderen Thema klaffen die Meinungen, Gefühle und Erwartungen so weit auseinander wie bei Weihnachten. Anita bekommt schon im September Bauchweh, wenn sie an Weihnachten denkt. Eigentlich bekommt sie immer Bauchweh, ganz egal zu welcher Zeit das Thema aufploppt. Ihre Tochter Lisa liebt Weihnachten. Seit sie eine eigene Wohnung hat, dekoriert sie schon ganz bald im Dezember und hat einen eigenen großen Baum.

Anita tauscht sich immer in einer Gruppe Gleichgesinnter, der auch ich angehöre, aus, wo alle der Meinung sind, das Fest muss entweder abgeschafft werden oder man entflieht in den Urlaub.

Sichtweisen

Ich schicke vom Novemberurlaub im Süden Bilder mit Weihnachtsdekorationen, die im Übermaß vorhanden sind. Reaktion Anita: „Oh mein Gott“ Reaktion Lisa: „Oh wie schön“

Mir fällt eine Aussage von Lisa vom Vorjahr ein: „Ab September rittern sich alle, bei wem Weihnachten am „Scheißigsten“ ist.“ Ist das wirklich so? Haben wir allgemein den Trend, Weihnachten furchtbar zu finden? Fakt ist, dass ab Ende August in den Kaufhäusern Lebkuchen zu kaufen sind. Im September folgen vereinzelt die Nikoläuse und im Oktober sind die Fächer voll damit. Wobei sich in den letzten Jahren Halloween hineindrängt und die Nikolaus- und Weihnachts-Leckereien und Deko-Sachen etwas nach hinten verdrängt werden.

Der Advent soll als Vorbereitung oder Besinnung dienen. In der Wirklichkeit reiht sich Weihnachtsfeier an Weihnachtsfeier, die Frage nach „Gehen wir auf einen Punsch?“ lässt sich oft nur mit „Sorry, keinen Termin frei.“ beantworten. Hinzu kommen Weihnachtsmarktbesuche, die einen ob der Fülle der Verkaufsangebote und Düfte oft erschlagen. Lebkuchen und Langosch, Bratwürste und Punsch, Socken und Seifen, Ringelspiel und Krippenspiel, Adventsingen und Kerzenziehen.

Die Nervigste aller Fragen

Kinder bekommen meist die Aversion ihrer Eltern gegenüber Weihnachten gar nicht mit. Man will ja dem Nachwuchs ein möglichst schönes Fest bereiten und kämpft sich lächelnd durch. Wird das anders, wenn diese Kinder selbst Nachwuchs haben? Wenn ja, wie kann man dem entgegenwirken? Also beschließe ich, mich heuer an Lisa zu orientieren. Ich habe mich vorsichtshalber schon im Sommer in Achtsamkeit und Gelassenheit geübt. Gar nicht so leicht, wenn schon im September die erste ehrgeizige Bekannte fragt „Und, hast du schon alle Weihnachtsgeschenke?“

Alles anders oder das schönste Geschenk

Ich beschließe, mir heuer selbst etwas zu schenken – schon vor Weihnachten. Einen geruhsamen und besinnlichen Advent. Ich werde am ersten Adventwochenende starten und einen Adventkranz machen. Das Hantieren mit Reisig hat mir schon immer Spaß gemacht und Kerzen und Dekoration anbringen ist kein Problem. Zur Adventkranzweihe gehe ich auch und werde „Wir sagen euch an den lieben Advent“ singen – ein Lied aus Kindertagen, das ich noch auswendig kann. Am ersten Adventsonntag werde ich Linzer Augen und Nougat Kipferl backen. Einfach weil mir danach ist. Ich habe auch schon eine Antwort parat auf die Frage „Wie viele Kekse hast du schon gebacken?“. Noch so eine nervige Frage, die ich heuer mit „Ich zähle nicht. Ich backe wenn’s mir gerade Spaß macht. Vielleicht keine, vielleicht 7, vielleicht 15 Sorten. Ich will keine Kekse, die älter als 2 Wochen sind. Ich liebe den Duft von frisch gebackenen Keksen und wenn es nicht danach riecht gebe ich Zimt und Orangenschalen in eine Duftlampe.“

Der Gruppenzwang

„Gehst mit auf einen Punsch?“ Gegenfrage: „Machst du einen langen Spaziergang mit mir? Da bekommt man keine kalten Füße, man kann die Ruhe genießen, die Gedanken ziehen lassen oder sich unterhalten. Und man kann auch Tee oder ein sonstiges Getränk nach eigenem Belieben in einer Thermoskanne mitnehmen.“

Der Geschenkezwang

In meiner Familie wurde schon vor Jahren ausgemacht, sich nichts zu schenken. Trotzdem halten sich nicht alle daran. Sie erwarten auch kein Gegengeschenk. Ich beschließe heuer, das hinzunehmen und schwöre mir, kein schlechtes Gewissen zu haben. Umgekehrt werde auch ich, wenn mir etwas ins Auge sticht, ein Geschenk für jemanden kaufen. Die Zwangs-Geschenke „das gehört sich, dem muss ich …“ werden ab jetzt immer für alle gleich aussehen. Ein Gebrauchsgegenstand. Aber was? Marmelade? Kekse? Kerzen? Klopapier? Servietten? Egal, ich habe noch Zeit zum Überlegen.

Und wenn ich nichts davon umsetze?

Dann ist es auch egal. Dann war es halt heuer so. Aber ich habe zumindest meinen Blickwinkel gewechselt. Ich denke mir bei der grellsten und kitschigsten Weihnachts- Haus- und Gartenzaundekoration nicht „Oh wie furchtbar“ sondern „die haben aber eine Freude am Beleuchten“. Ich bin gespannt wie ein kleines Kind auf den heurigen Advent und auf das Weihnachtsfest – das ich schon jetzt zum Gemütlichsten und Zwangsfreiesten aller Zeiten erkläre. Mein jüngerer Sohn ist auf alle Fälle mit dabei.

Astrid Gaisberger

www.geistigaufbluehen.at

Schreiben Sie einen Kommentar

Teilen:

Facebook
Twitter
Pinterest
LinkedIn
Aktuelles

Weitere Blogeinträge

Weihnachten ohne Zwang – ein Versuch

Bei keinem anderen Thema klaffen die Meinungen, Gefühle und Erwartungen so weit auseinander wie bei Weihnachten. Anita bekommt schon im September Bauchweh, wenn sie an Weihnachten denkt. Eigentlich bekommt sie immer Bauchweh, ganz egal zu welcher Zeit das Thema aufploppt. Ihre Tochter Lisa liebt Weihnachten. Seit sie eine eigene Wohnung hat, dekoriert sie schon ganz bald im Dezember und hat einen eigenen großen Baum. Anita tauscht sich immer in einer Gruppe Gleichgesinnter, der auch ich angehöre, aus, wo alle der Meinung sind, das Fest muss entweder abgeschafft werden oder man entflieht in den Urlaub. Sichtweisen Ich schicke vom Novemberurlaub im Süden Bilder mit Weihnachtsdekorationen, die im Übermaß vorhanden sind. Reaktion Anita: „Oh mein Gott“ Reaktion Lisa: „Oh wie schön“ Mir fällt eine Aussage von Lisa vom Vorjahr ein: „Ab September rittern sich alle, bei wem Weihnachten am „Scheißigsten“ ist.“ Ist das wirklich so? Haben wir allgemein den Trend, Weihnachten furchtbar zu finden? Fakt ist, dass ab Ende August in den Kaufhäusern Lebkuchen zu kaufen sind. Im September folgen vereinzelt die Nikoläuse und im Oktober sind die Fächer voll damit. Wobei sich in den letzten Jahren Halloween hineindrängt und die Nikolaus- und Weihnachts-Leckereien und Deko-Sachen etwas nach hinten verdrängt werden. Der

BARRIEREFREIHEIT

Gesetzlicher Hintergrund Foto Pixabay (Gert Altmann) Weltweit leben annähernd 650 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Ihre gesellschaftliche Teilhabe ist kein Gnadenakt, sondern ein Menschenrecht. Trotzdem gibt es nur in etwa 45 Staaten Vorschriften, dieses Recht zu schützen.Im Jahr 2021 hat deshalb die Generalversammlung der UN die Behindertenrechtskonvention beschlossen.

Ich schreibe, also bin ich.

Ich schreibe, also bin ich? Im Moment schreibe ich eher nicht, zumindest keinen Blogbeitrag, den ich zugesagt habe und schon gar nicht an dem Buchprojekt, das mich schon lange beschäftigt. Wenn ich also nicht schreibe, bin ich dann nicht? Existiere ich dann vielleicht gar nicht? „Diese Logik ist nicht erlaubt“, sagt der leidenschaftliche Informatiker, mit dem ich mein Leben teile, „das ist ein Umkehrschluss – Das ist Aussagenlogik.“

  • Save-the-date

    Hier informieren wir über wichtige Veranstaltungen, zu denen Sie sich den Termin schonmal im Kalender vormerken können.

  • Info Brief

    Unser Info-Brief wird einmal im Monat herausgegeben von einem unserer Mitglieder.

  • Buch des Monats

    Hier stellen wir unser Buch des Monats vor.

  • Blog

    Unsere aktuellen Blogartikel finden Sie hier im Blog Bereich.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner