Vom Dunkel ins Licht – Meiner Trauer Raum geben

Von Astrid Gaisberger

Ab Februar merkt man es meistens, dass die Tage wieder spürbar länger und heller werden. Oft glaubt man auch, dass sich da die Stimmung automatisch aufhellt. Das kann sein, muss aber nicht. Gerade für diejenigen, denen es gerade nicht so gut geht, ist das ein zusätzlicher Belastungsfaktor. „Ich müsste mich doch besser fühlen.“

Vom Dunkel ins Licht. Wie schafft man das nach einer Verlusterfahrung?

Den Schmerz fühlen, annehmen und verarbeiten

Trauerarbeit heißt nicht, dass wir möglichst schnell da durchkommen. Zuallererst müssen wir den Schmerz annehmen und ihn zulassen. Ihn fühlen. „Ja, es tut weh.“ „Ja, es darf weh tun.“ So unterschiedlich wie wir Menschen sind, so unterschiedlich können sich auch die Trauerphasen gestalten. Biografiearbeit eignet sich gut, mit Verlusten umzugehen.

Erinnerungen kreativ bewahren

Eine Erinnerungsschachtel gestalten und befüllen kann wesentlich dazu beitragen, einen Verlust zu verarbeiten. Ich nehme mir bewusst Zeit, mich an das, was vorher war, zu erinnern. Sei es ein Mensch, ein Tier oder eine Lebensphase.
Etwas mit den eigenen Händen gestalten, kann sehr beruhigend sein. Es kann ganz einfach eine Schuhschachtel sein, die man schön verziert, die man mit Acrylfarben bemalt oder mit Bildern aus Zeitschriften oder Kalendern beklebt. Es kann aber auch eine neu gekauft Schachtel oder Box sein. So entsteht eine Erinnerungsschachtel.
Malen, zeichnen, schreiben, kleben, töpfern, einfach ausprobieren, was mir guttut.

Was kommt in eine Erinnerungsschachtel?

Es gibt verschiedene Gegenstände, Dinge, Kleidungsstücke und anderes, das uns an das Verlorene erinnert. Wir können nicht alles festhalten, aber wir können bewusst Abschied nehmen von Gegenständen. Wir können sie fotografieren, beschreiben, noch einmal daran riechen und sie dann gehen lassen. Wenn es von der Größe her passt, kann man diesen Gegenstand in die Schachtel geben oder eben ein Foto davon.

Meine ganz persönlichen Erinnerungen

Sich bewusst an die Person, an das Lebewesen, an die Lebensphase erinnern und das dann aufschreiben, hilft vor der Angst, die Erinnerung könnte irgendwann verblassen. Und es hilft auch, dem Verlorenen bewusst Raum zu geben und Gedanken und Erinnerungen zu sammeln. Auch wenn man meint, man kann nicht schreiben, die Erinnerungen sind ja für einen selbst gedacht und nicht für ein Publikum. Also kann man getrost einen Druck, den man womöglich von der Schulzeit her hat, außer Acht lassen.

Erinnerungen aufschreiben

Worauf schreibt man? Das ist grundsätzlich egal. Man kann aber auch damit beginnen, sich sein eigenes Papier zu gestalten. Mit Kreiden, mit Farbstiften, mit Wasserfarben, was auch immer mir gerade in den Sinn kommt.

Was schreibt man?

Hier ein paar Impulsfragen – einige dieser Fragen kann man sich auch bei verlorenen Lebensphasen stellen.

  • Wie sah die Person aus?
  • Wie roch er oder sie?
  • Gab es Wörter oder Sätze, die dieser Mensch bevorzugt verwendet hat?
  • Welche gemeinsamen Erlebnisse hatten wir?
  • Was habe ich von ihm oder ihr gelernt?

Auch negative Gefühle annehmen und wahrnehmen

In der Erinnerungsschachtel haben auch negative Gefühle Platz.
Worüber habe ich mich geärgert im Zusammenhand mit der Person oder dem Lebensabschnitt?
Gab es Konflikte oder Verletzungen?

Wenn dich die Trauer wieder überkommt, was hilft dir dabei?

Trauer und Schmerz kommen oft in Wellen. Ein Ereignis, ein Gedanke, ein Erinnerungsfetzen kann womöglich wieder alles aufwühlen. Für diesen Fall kann man an guten Tagen eine Liste für schlechte Tage schreiben. Was schützt mich, was hilft mir in schlechten Gemütslagen, was tröstet mich? Es ist im Prinzip eine Aufzählung an Dingen, die ich brauche, damit ich mich wohlfühle.

  • Welche Lieder tun mir gut?
  • An welche Menschen kann ich mich wenden, sie anrufen.
  • Tut es mir gut, wenn ich spazieren gehe? In den Wald oder ans Grab?
  • Vielleicht hilft es aber auch, wenn ich ein bestimmtes Essen koche.
  • Welche tröstenden Sprüche, Vergleiche, Geschichten helfen mir?

All diese Dinge sind Bestandteil meiner Liste, die ich in die Erinnerungsschachtel geben kann, um sie bei Bedarf hervorzuholen. Es kann aber auch ein Kuscheltier oder eine Decke sein, womöglich sogar mit Bildern aus gemeinsamen Zeiten gestaltet, oder ein Kleidungsstück.

Die Zeit würdigen und dankbar sein

Erinnern heißt nicht, dass wir am Verstorbenen oder Verlorenen festhalten. Sondern, dass wir alles noch einmal erinnern, aufschreiben, würdigen und dankbar sind, um in eine neue Beziehung zum Verstorbenen und Verlorenen zu treten.

Astrid Gaisberger
Trainerin für geistige Fitness, Trainerin für Biografiearbeit nach LebensMutig, Trauerbegleiterin

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