„Mir fehlen die Worte …“

Erzeuger, Papa, biologischer Vater

Von Birgit Lattschar

Eine herausfordernde Seite der Biografiearbeit beschäftigt mich schon lange und ist immer wieder Gegenstand meiner Beratungen und Fortbildungen: das „in-Worte-fassen“ und der Umgang mit schwierigen Themen in der Biografie eines Menschen.

Szenario 1: Ein Beratungstermin mit einem Elternpaar. Die beiden sind Eltern der fünfjährigen Ella, die durch die Samenspende eines anonymen Spenders entstanden ist. Niemand weiß davon und sie sind unsicher, ob sie es überhaupt ihrem Kind sagen sollen.

Szenario 2: Eine Pflegefamilie erstellt mit ihrem Pflegekind Max seit längerem ein Lebensbuch, in dem sie auch Bilder und Beschreibungen der Herkunftsfamilie sammeln, schöne Ereignisse aus dem gemeinsamen Leben. Nun steht das Kapitel „Meine Geschichte“ an mit der Frage, warum Max nicht mehr bei den leiblichen Eltern leben kann. Die Pflegeeltern sind unsicher: Sollen Sie Max erzählen, dass die Mutter drogenabhängig war? Oder überfordert dies den Jungen?

Wie viel Wahrheit verkraftet ein Kind?

Viele Erwachsenen haben das Bedürfnis, Kinder vor schweren Realitäten zu schützen. Sie glauben, sie können manche Wirklichkeiten dem Kind nicht zumuten, die Wahrheit wäre zu schwer zu verkraften. Sie wollen ihrem Kind den Schmerz über Teile seiner Biografie erfahren und sich vielleicht auch selbst davor schützen, diesen mit aushalten zu müssen. Was dabei oft vergessen wird: Informationen lassen sich zwar geheim halten, nicht aber die zugehörigen Gefühle, die die Erwachsenen haben. Nicht mit einem Kind über solche Themen zu sprechen heißt, es allein zu lassen mit Fragen, Befürchtungen und Phantasien. Kinder spüren atmosphärisch die Stimmung der Erwachsenen, spüren, dass es da „etwas gibt“, das nicht ausgesprochen wird. Und nicht selten sind die Phantasien in den Köpfen der Kinder schlimmer als die Realität. Schieben Eltern das Gespräch vor sich her im Sinne von „das erzählen wir, wenn das Kind alt genug ist“, wird diese Aufgabe immer größer und belastender und es wird immer schwieriger, einen Anfang zu finden.

„Das Leben mit einem Geheimnis kann eine seltsame Gefühlsmixtur aus Verantwortungsbewusstsein, Macht, Besorgnis, Schutzverhalten, Scham, Überlastung und Furcht hervorbringen“, so die Familientherapeutin Evan Imber-Black in ihrem Buch: „Die Macht des Schweigens. Geheimnisse in der Familie“ (2000: 27). Die Gefahr der zufälligen Aufdeckung durch andere steigt mit der Zeit, weil oft viele Menschen aus dem Umfeld mehr wissen als das betroffene Kind selbst. Betrifft eine Information, ein Geheimnis ein Kind direkt und existenziell, wie in den Beispielen oben, so sollte das Kind informiert werden, bevor andere mehr wissen als es selbst. Die Verantwortung liegt dabei bei der erwachsenen Bezugsperson, sie sollte nicht warten, bis das Kind fragt. Denn viele Kinder fragen nicht, weil sie nicht wissen, was sie überhaupt erfragen sollten. Oder aber sie spüren, dass Fragen nicht erwünscht sind. Es liegt in der Verantwortung des Erwachsenen, von sich aus das Thema anzuschneiden und dadurch zu signalisieren: „Mit mir kannst du darüber sprechen, ich halte das aus und ich gebe dir ehrliche Antworten.“

Kinder können schwere Fakten des Lebens als gegeben hinnehmen, wenn sie von Erwachsenen dabei unterstützt werden. Es ist für die meisten Kinder eine Erleichterung, wenn sie Ereignisse verstehen und einordnen können und offene Fragen beantwortet werden. Natürlich muss die Art und Weise, wie Informationen gegeben werden, dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes angepasst und vor allem in einen Kontext eingebettet sein. Es geht nicht um ein Benennen von isolierten Fakten, das möglicherweise traumatisierend sein könnte, sondern um ein behutsames Erklären des Sachverhaltes. Dies möglichst in schriftlicher Form, z.B. als sogenannter Lebensbrief oder als Lebensbilderbuch, sodass immer wieder nachgelesen werden kann. Die innere Haltung der Erwachsenen ist dabei entscheidend, denn sie wird durch deren Worte transportiert und vom Kind übernommen. Fachliche Unterstützung beim Entwickeln solcher Texte ist deshalb sinnvoll.

Die richtigen Worte und Form finden

Für Ella aus dem Beispiel oben wurde ein Bilderbuch angefertigt, in dem die Eltern ihre ganz besondere Familiensituation erklären. Der unbekannte Spendervater bekommt eine eigene Seite, auf der sie ihm danken und Überlegungen anstellen, worin Ella ihm ähnlich ist.

Max wurde der Umstand, dass seine Mutter drogenabhängig ist, in einem Lebensbrief mit folgenden Worten erklärt: „Deine Mama braucht Drogen. Das sind Stoffe, die der Mama helfen, sich für eine Zeit ganz prima zu fühlen. Aber die Wirkung lässt bald wieder nach und ohne Droge fühlt sie sich ganz elend und krank und hat körperliche Schmerzen. Also braucht ihr Körper wieder neue Drogen. Deine Mama hat dich lieb, aber sie kann nicht mehr richtig über sich selbst bestimmen und erst recht nicht nach einem Kind schauen. Auch einfach nur zu Besuch zu kommen fällt ihr schwer. Die Droge bestimmt ihr Leben, ob sie gerade genug davon hat oder neue besorgen muss. Deshalb lebst du bei uns. Deine Mama wollte schon öfter aufhören, Drogen zu nehmen. Aber sie hat es nicht geschafft. Viele Menschen schaffen es nicht, von den Drogen loszukommen. Das ist schwer für die Angehörigen und für die Kinder.“

Beide Elternpaare waren nach Anfertigung der Texte erleichtert, konkrete Worte zu haben. Es war der Anfang vieler vertrauensvoller Gespräche zwischen Eltern und Kind. Und darin liegt ein großer Gewinn.

Viele Beispiele für passende Worte und Texte finden sich in meinem mit Irmela Wiemann verfassten Buch „Schwierige Lebensthemen für Kinder in leicht verständliche Worte fassen. Schreibwerkstatt Biografiearbeit.“ Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Birgit Lattschar

Dipl. Päd., Systemische Beraterin
und Supervisorin (SG)

www.birgit-lattschar.de

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