Schreiben für sich selbst: Diarium & Co.

Von Kathrine Bader

Möglicherweise hat der Corona-Lockdown der Beschäftigung mit sich selbst, und damit dem Tagebuchschreiben, einen Auftrieb verschafft. Jedenfalls scheint das Interesse daran gestiegen zu sein, wenn man dem vielfältigen Angebot Glauben schenkt.

Mein erstes Tagebuch begann ich mit 14 – getarnt als Schulheft, an einem geheimen Ort versteckt. Seitdem habe ich mehr oder weniger regelmäßig Einträge verfasst, mit großen zeitlichen Lücken dazwischen.

Geschichte

Die Tradition des Tagebuchschreibens reicht bis in die Antike zurück. Weniger bekannt ist die sog. Kopfkissenliteratur japanischer Hofdamen um 1000 n. Chr.; aus dem Mittelalter kennen wir die Schriften von Mystikerinnen. Waren es im England des 17. Jh. vor allem Beichten, um Gott Rechenschaft abzulegen, fand in der Renaissance eine Individualisierung statt. In Amerika übten die Puritaner Selbstkritik und Selbstdisziplin, während die Pionierfrauen ihre Erlebnisse festhielten, woraus sich die „Mädchen-Tagebücher“ entwickelten. Das moderne Tagebuch wurde stark von der Erforschung des Unbewussten oder den freizügigen Aufzeichnungen der Anaïs Nin beeinflusst. Darin geht es nicht mehr um das penible tägliche Festhalten von Ereignissen.

Spielarten

Das wohl berühmteste Tagebuch stammt von Anne Frank, die es von Juli 1942 bis zu ihrer Deportation ins KZ Bergen-Belsen führte. Es war nicht für eine Veröffentlichung gedacht, ganz anders als etliche von Literat*innen verfassten Tagebücher, die Elias Canetti – im Gegensatz zu den authentischen – folglich als „gefälschte“ Tagebücher bezeichnet. Auch die meistens zu bestimmten Themen verfassten Blogs heutzutage stellen eine Art Tagebuch dar. Besonders auf Kinder zielt etwa das frei erfundene „Gregs Tagebuch“ ab.

Als Vorformen kann man Kalendereinträge, Papierschnipsel oder Listen bezeichnen, wie sie schon J.W. v. Goethe anlegte. Auch kurze, stichwortartige Notizen als Gedächtnisstütze lassen sich zu dieser Art von Aufzeichnungen zählen. Gottfried Benn schrieb in eine Kladde, auch Sudelbuch genannt. Chroniken sind demgegenüber viel ausführlicher und systematischer. Einen Mix aus Tages-, Wochen- und Monatsplanungen, Tagebucheinträgen und Zeichnungen stellt das in letzter Zeit beliebt gewordene (Bullet)Journal dar. Ein Sketchnote-Tagebuch bietet sich für Menschen an, die sich gern in Form grafischer Notizen und Zeichnungen ausdrücken.

Weitere Sonderformen sind beispielsweise:

  • Reise-Tagebuch
  • Denk-Tagebuch (Hanna Arendt)
  • Arbeits-Tagebuch (Bert Brecht)
  • Traum-Tagebuch (S. Freud)
  • Therapeutisches Tagebuch
  • Morgenseiten (nach Julia Cameron)
  • Lektüre-Tagebuch

Im Handel reicht das Angebot inzwischen vom Dankes-, über das 6-Minuten- bis zum 10-Jahres-, dem Krebs- bis zum Selbstliebe-, dem Borderline- bis zum Baustellen- und dem Kur-Tagebuch etc.!

Herangehensweise

Oft ist der Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt der Anlass dafür, ein Tagebuch zu beginnen, bzw. der Wunsch, besondere Ereignisse /Gefühle/Erfahrungen festzuhalten oder die Dokumentation eines Prozesses.
Insbesondere sind folgende Überlegungen wichtig: An welchem Ort soll das Tagebuch aufbewahrt werden? Vor allem, wenn die Einträge ungeschminkt und schonungslos erfolgen, ist deren Geheimhaltung wichtig. Was soll nach dem eigenen Tod damit geschehen? Darf es (in Teilen) veröffentlicht werden oder vernichte ich es besser gänzlich? Wie regelmäßig möchte ich schreiben und wann habe ich überhaupt ein Zeitfenster dafür? Welches Schreibgerät und welches Heft sind für mich anregend? Prinzipiell kann es in der Ich-Form oder, quasi als Dialog mit sich selbst, in der Du-Form geführt werden. Seltener ist die 3. Person. Die Methoden, um ins Tun zu kommen, gleichen denen fürs Schreiben allgemein. Darauf werde ich in meinem InfoBrief im Mai 2024! näher eingehen.

Nutzen

Es gibt zahlreiche Gründe, ein Tagebuch zu führen, zum Beispiel, um Erinnerungen festzuhalten, zur inneren Distanzierung, als Begleiter in Krisenzeiten, zum Innehalten im Alltagsgetriebe, zur Katharsis oder bloß zur Steigerung der Ausdrucksfähigkeit … Den wahren Nutzen entfalten die Aufzeichnungen jedoch erst bei ihrer Auswertung, die in regelmäßigen Abständen – abhängig von der Eintragungsfrequenz monatlich bis jährlich – erfolgen sollte. Das Anstreichen oder Kommentieren von aussagekräftigen Passagen ist dabei anzuraten. Um Stellen leichter wieder aufzufinden, ist ein Inhaltsverzeichnis eine gute Wahl.

Fragen wie diese können für die Auswertung hilfreich sein:

  • Wie bin ich Konflikten begegnet?
  • Was war mir in der Vergangenheit wichtig?
  • Haben sich Schwerpunkte verschoben?
  • Was blieb konstant, was hat sich verändert?
  • Welche Themen blieben ausgespart?
  • Sind Versprechen eingehalten worden?
  • Haben sich Befürchtungen bestätigt, Hoffnungen erfüllt?

Lust aufs Tagebuchschreiben bekommen? Dann nichts wie damit beginnen!


Kathrine Bader

Kreatives Schreiben, Schreibcoaching, Biografiearbeit
www.dastreffendewort.at

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